Wenn Königinnen reisen, dann verlassen sie ihr Königinnenreich. Sie verlassen Gewohntes, die Bequemlichkeiten ihres Schlosses und packen, ihren Bedürfnissen entsprechend, Sinnvolles, Nützliches und Luxuriöses.
Sie sorgen vor für die zu Hause bleibenden Wesen. Sie ordnen ihr Schloss, bewahren Angefangenes, schließen ab, übergeben die Schlüssel in verantwortungsvolle Hände. Königinnen gehen nicht ohne für Unversehrtheit des Heims und eine sichere Rückkehr zu beten.
Jede Königin reist mit und in ihren eigenen Körper, ihrem einzig wirklich eigenen Schloss, und ihrer Seele, die nach Abenteuern in unbekannten Ländern sucht.
In jeder Reise gibt es ein Ziel, ein mehr oder weniger bekanntes. In diesem Fall ist es das Reich einer anderen Königin, die im Norden lebt. Sie lebt dort ihre Träume und realisiert eigene Visionen. Respekt, Freundschaft und Wertschätzung sind der Antrieb um sich auf dem Weg zu machen.
Das Opfer, welches es für diese Reise zu bringen gilt, ist Zeit. Lebenszeit, Urlaubszeit, Sommerzeit. Und ein Zugticket.
Alle Vorbereitungen und Planungen, alle Überlegungen und Handlungen, alle Vorfreude und Unsicherheit verdichtet sich bis zu dem Moment, an dem sich der Zug in Bewegung setzt – der Moment der Translation!
Wie gut es tut in Bewegung zu sein, wie entspannend und erweiternd. Weg von den Rollen und Aufgaben des Alltags, weg von routinierten Abläufen, weg von den Erwartungen der Kollegen und den eingeübten Höflichkeiten. Ein merkwürdiges Gefühl stellt sich ein – so ist es rückwärts sitzend vorwärts zu kommen.
Loslassen um wegzukommen, loslassen um anzukommen, loslassen um von einem Ort zum anderen zu gleiten.
Der Blick aus dem Fenster zeigt das Land, das es zu durchqueren gilt. Ein vielfältiges Land: strukturiert durch Landwirtschaft, durchflossen von Autobahnen und Wasserwegen, manchmal kultiviert und manchmal verwahrlost, von Menschen, Tieren und Pflanzen bewohnt. Fruchtbarer Boden bringt prächtige Pflanzen hervor. Daneben weisen dürre Bäume auf die Grenzen des Wachstums hin.
Auf den abgeernteten Feldern liegt leuchtend gelbes Stroh am Boden: hier wird für den Winter vorgesorgt! Die Königin reist mit Freude über die Lebendigkeit im Land, über die Geschäftigkeit und das Bemühen Neues zu schaffen, Altes zu pflegen. Und sie reist mit Staunen über vollkommen andersartige, unbekannte, herausfordernde Möglichkeiten des Schaffens.
Viele Gedanken sausen durch ihren Kopf, kaum einzufangen. Wie die vielen Vögel vor ihrem Fenster: schnelle, langsamere, helle, dunkle, einzelne, schwärmende, bekannte und unbekannte. Die Gedanken werden angetrieben durch die Schnelligkeit des Zuges – 247 km/h.
Der Zug rast ist die Nacht hinein. Schatten von Bahnhöfen, Wäldern, Ortschaften wechseln sich ab. Häuser bekommen leuchtende Löcher. Fremd wirkt das Land durch die hereinbrechende Dunkelheit und trotzdem rückt das Ziel der Reise näher.
Es gibt einen wiederkehrenden Gedanken. Was ist, wenn der Fahrplan nicht hält, der Anschluss nicht erreicht werden kann, das Zugticket deswegen verfällt? Die Zugbegleiterin klärt die Frage nach der Verspätung auf: „Ich bin aus dem Norden. Ich rede Klartext. Das sieht widerlich aus!“
„Du kannst den Plan ändern oder darauf vertrauen!“ denkt die Königin. „Lass die Unsicherheit los.“ Alles braucht seinen Moment, auch die Unsicherheit, der Zweifel.
Der Anschlusszug hat ebenfalls Verspätung, die Anspannung verschwindet. Die Ankunft steht nicht mehr in Frage.
Am Ende der Reise warten offene Arme, ein gutes Abendessen, herzliche Gespräche, gemeinsame Zeit. Was für eine gute Entscheidung das war, auf die Reise zu gehen!
Wenn Königinnen reisen, dann werden sie leicht und kommen als andere wieder.
Foto: © Erwan Hesry, unsplash
