Wie Rainer Maria Rilke, der schrieb:
Du Dunkelheit, aus der ich stamme, ich liebe dich mehr als die Flamme …
Zunehmend radikaler reduziere ich in der Dunkelzeit Licht auf das Notwendigste – Rotlicht, Salzlampe, Kerzen – oder ich lösche es ganz. Nicht dogmatisch, aber konsequent und neugierig, wohin mich der Weg mit der Dunkelheit führt. Erst spürte ich nur, wie sehr sie mich erholt und heilt. Allmählich offenbaren sich mir ihre tieferen Kräfte. So lasse ich mich in den Winterwochen von ihrer grenzenlosen Weiträumigkeit durchdringen. Je dunkler es wird, desto klarer sehe ich: ich lebe gegen den kulturellen Strom einer permanent künstlich erhellten Welt. Und fühle mich gleichzeitig verbunden mit uralten Erkenntniswegen, in welchen Dunkelheit als Tor verstanden wurde.
Dunkelheit als Tor
Kulturen aller Welt ehrten die Nacht als Schwelle zu Erkenntnis und Wandlung. In Höhlenritualen, Dunkelretreats, in schamanischen Prüfungen und Wachnächten wurde äußere Dunkelheit bewusst betreten. Viele mystische Traditionen sahen auch in schmerzvollen Phasen innerer Verdunkelung einen notwendigen Durchgang zu innerem Sehen. Vor allem aber war die allnächtliche Dunkelheit ein stilles Tor für alle Menschen, das Maß und Selbstwahrnehmung lehrte. Die unbeleuchtete Weite der Nacht öffnete Räume, in denen der Mensch seine Eingebundenheit in ein Größeres spüren und Kraft schöpfen konnte, um eigene innere Nacht zu tragen.
Vom Verlust der Nacht
In den letzten Jahrzehnten hat die extreme Licht-Überflutung durch digitale Dauerhelligkeit und allgegenwärtige Beleuchtung die natürliche Dunkelheit, die Mensch und Tier über Jahrmillionen erlebt haben, nahezu vollständig verdrängt. In kürzester Zeit ist unsere Verbundenheit mit den natürlichen Rhythmen im Dauerreiz der Überstimulation verloren gegangen, mit überall sichtbaren Folgen. Forschungen zeigen, dass nicht die winterliche Dunkelheit selbst Körper und Geist erschöpft, sondern ihre Abwesenheit. Was äußerlich fehlt, wird innerlich schwerer zugänglich.
Rückkehr zur Heiligen Nacht
Die Dringlichkeit, Dunkelheit wieder zu heiligen, zu zelebrieren und zu hüten war noch nie so groß. Jede ausgeschaltete Lampe, jedes bewusste Sitzen in Dämmerung und Dunkelheit führt uns zurück zu zyklischem Bewusstsein und zu einer Ausgewogenheit der Kräfte. Wer in dieses Gleichgewicht zurücksinkt, berührt vielleicht – „es kann sein“ – auch jene transzendente Tiefe, von der Rilke spricht: die unsichtbare „große Kraft“ aus der Sinn, Inspiration und Vertrauen – das innere Licht – erwachsen.
An der Schwelle der Jahresnacht
Die kommenden Wochen öffnen den dunkelsten Raum des Jahres. Wunderbarerweise liegen Mondtiefststand (20.12.) und Wintersonnenwende (21.12.) dieses Jahr gleich beieinander – eine seltene kosmische Konstellation, die größtmögliche Dunkelheit von außen spürbar macht und einlädt, uns innig in den Schoß des Jahres fallen zu lassen.
Das gereifte Nordlicht – Charity Schwellengang im Jänner
Die langen Nächte schenken nicht nur Geborgenheit. In den rauen Zeiten des Jahres und unseres Lebens werden jene Kräfte gefordert – und gefördert –, die uns durch Tiefen tragen: ruhige Beharrlichkeit, weite Gelassenheit und gesammelte Wachheit. Qualitäten, die im 4 Schilde-Medizinrad vom Archetyp König:in verkörpert werden. Das in Zeiten der Prüfung gereifte königliche Licht strahlt auch für andere Halt und Orientierung aus. Im Schwellengang wenden wir uns dieser Kraft zu: was hält die Dunkelheit für mich bereit, wenn ich ihr nicht ausweiche?
Mit deiner Teilnahme dienst du zugleich der Gemeinschaft: der Spendenerlös ermöglicht Menschen mit wenig finanziellen Ressourcen die Teilnahme an Visionssuchen, Jugendprogrammen und ähnlichen Wegen.
Mir ist bewusst, dass Dunkelheit nicht für alle Menschen ein sicherer Raum ist. Sie kann Erinnerungen an Verletzungen wachrufen, die im Körper gespeichert sind. Daher sollte Dunkelheit immer selbstgewählt, behutsam und eventuell begleitet betreten werden.
GUTE NACHT!
Foto: © Karimshahi, Wikimedia Commons
