„…der mit dem Coyoten tanzt“ – Ein Erfahrungsbericht

Ich drehe mich um und blicke über die bizarre Landschaft. Die Berge im Westen strahlen blaßgelb in der ersten Morgensonne. Ich sehe kein Haus, kein Auto, keinen Menschen, ich bin alleine. Unbeweglich stehe ich in der Stille und höre nur meinen Atem. Ich suche die Spuren meiner Füße und begegne dem reglosen Blick eines mich unverwandt anstarrenden, winzig kleinen Drachens. „Horntoed“ nennen ihn die Indianer. Ich liebe ihn, er ist so häßlich und so einsam. Ich starre zurück, während ich unendlich langsam in die Knie gehe und mich behutsam dem kleinen Boten einer vergangenen Welt nähere. Er sieht gelassen zu, rührt sich nicht. Nur fünf Handbreit trennen unsere Augen und ich sehe, daß diese schönen, schwarzen Punkte gar nicht starren, sondern mich ganz genau beobachten. Ich sehe pulsartige Bewegungen in seinem schuppigen Hals, betrachte seine gepanzerten Füßchen, die ihm seinen Namen gaben. Ich tauche tief in seine unendlich alten Augen und bin plötzlich in seiner Welt. Ich sehe mit den Augen eines „Horntoed“ und die Felsen und winzigen Blümchen, die uns umgeben, ähneln unglaublich der Landschaft, die ich noch vor Minuten als Mensch betrachtet habe. Ich versinke in meiner Umgebung, ich löse mich auf.

Da, ein schneller, schwarzer Schatten, ein Surren und – schnapp! Ich zucke zurück, mein Herz rast, während mein Freund genüßlich sein Frühstück verspeist.

Ich weiß nicht wieviel Zeit vergangen ist – Minuten, Stunden? Ich merke, wie ich mit mir zu sprechen beginne – mein „Innerer Dialog“ setzt wieder ein. Er macht mir Vorwürfe, daß ich hier Zeit vertrödle, anstatt mir einen „sicheren“ Platz zu suchen, wo ich meine Zeltplane aufspannen und die nächsten vier Tage verbringen kann … ein bißchen geht er mir auf die Nerven, mein „Innerer Dialog“.

Ich bin hier in einem abgelegenen Ausläufer des Death Valley in Kalifornien und Teilnehmer an einem Training für „Wilderness-Guides“. Unter dem Begriff „Wilderness“ subsumieren sich ethnologische Inhalte: Wissen und Philosophien der „Native Americans“, also der Indianer – und Grundsätze der „Humanistischen Psychologie“. Ich habe sehr interessante KollegInnen – da ist zum Beispiel Wally, ein sechzigjähriger Geologe, der vierzehn Jahre seines Lebens am Süd- und Nordpol verbrachte, oder Stockton, ein hoher Beamter des CIA oder Kimberley, eine junge Sozialarbeiterin, die mit „schwierigen“ Jugendlichen in Los Angeles arbeitet. Alle haben wir ein Ziel – wir wollen „besser verstehen“: uns selbst, unsere Beziehungen, unsere Beweggründe. Wir wollen ein „meaningful life“ führen. Hierzu teilen Meredith Little und Stephen Foster, beide seit den späten 60ern Pioniere auf dem Gebiet der „Ecopsychology“, mit uns ihr Wissen. Wir haben theoretischen Unterricht am Vormittag und bekommen praktische Aufgaben, die wir nachmittags allein und in freier Natur erarbeiten. Abends gibt´s ein spannendes Beisammensein, wo wir unsere nachmittäglichen Erlebnisse in Geschichten den Anderen näherbringen. Hie und da sind ein paar alte, würdige Indianer-Herren anwesend, die uns ernst beobachten, doch bei manchen „tragischen“ Passagen unserer Erzählungen schallend und herzhaft lachen …

Wesentliche Ansätze in Meredith’s und Stephen’s Theorien scheinen mir zu sein:

1. Das Setting

für alle Übungen ist die freie Natur. Sie ist mit ihren unzähligen Formen, Farben und Eindrücken kreativer Impulsgeber für unsere Phantasie. Es gibt Tabus: keine Gesellschaft, kein Essen und „no shelter“ (Zeltplanen bei Übernachtungen sind o.k.). Die TeilnehmerInnen markieren den Punkt, wo sie in ihre selbstgewählte „sacred world“ treten und sie haben eine klare „Absicht“ (intent) – was sie auf dieser Reise erfahren wollen. Und: was immer jemand in seinen Geschichten erzählt – es ist wahr, alle hören zu und leben ganz mit dem Erzähler.

2. Erwachsen werden

Für einen indianischen Stamm war es von lebenswichtiger Bedeutung, daß alle Mitglieder „erwachsen“ wurden. „Erwachsen sein“ definiert sich beispielsweise wie folgt:

(S)eine Bestimmung, seinen Platz im Leben zu erkennen und/oder sich für eine Lebensrichtung entschieden zu haben (Beruf)
Sich hier so weit zu entwickeln, daß der Beruf zur „Medizin“ wird.

Das wird er dann, wenn ich zum Erlernten meine eigenen, besonderen Fähigkeiten hinzufüge, also aufhöre „zu kopieren“. Somit wird das, „wie ich etwas tue“ einzigartig und unverwechselbar. „Medizin“ vielleicht darum, weil ich in meinem Wissen, in meinen mir bewußt gelebten Fähigkeiten eine Heimat habe – unabhängig von einer geographischen Heimat – in die ich mich jederzeit zurückziehen und Kraft schöpfen kann.

Nur mit dem Erlangen dieser „Medizin“ kann ich mein Wissen, meine Erfahrung an jüngere weitergeben. Wobei stets der ältere für den Wissenserwerb des jüngeren verantwortlich ist. D.h. es braucht die Erfahrung wann ich wem was, zu welcher Zeit und in welchen Worten, Tempo etc. lehre.

Die eigenen persönlichen Besonderheiten, Charaktermerkmale etc. zu akzeptieren und sich gegebenenfalls von ihnen distanzieren zu können, beispielsweise wenn es gilt, etwas zu erreichen.

  • Die Fähigkeit im Team für gemeinsame Interessen zu arbeiten
  • Seine angeborenen Talente („Shields“) zu entwickeln und sie in den Dienste der Familie, des Stammes zu stellen.
  • Zu wissen, wer die eigene Familie ist
  • Nichts „persönlich“ zu nehmen und das Ereignis in einem großen, natürlichen Kontext zu erkennen
  • …und vieles andere mehr

3. Eine Absicht haben

… bedeutet, zu einem starken und bedingungslosem „Ja“ zu kommen. Dazu wird eine Entscheidung entwickelt, bis sie klar und deutlichen in einem kurzen Satz artikuliert werden kann und Schritte zur Umsetzung „gesehen“ werden. Daher auch der Name „Vision Quest“ als Bezeichnung für diesen Teil der Arbeit.

4. Ein Krieger / eine Kriegerin werden

… bedeutet stete Achtsamkeit zu entwickeln. Quasi einen „inneren Beobachter“ zu installieren, der alle Fortschritte, aber auch Hindernisse auf dem Weg zum Ziel registriert. Hindernisse sind z.B.: Stimmungen, Wehleidigkeiten, Selbstmitleid, falsche Selbsteinschätzung (nicht „gut genug sein“) etc. etc.

Der erwachsene Krieger lacht, schmunzelt zumindest, wenn er in so eine „Falle“ tappt, gibt den Bedürfnissen ev. auch ein bißchen nach, um dann sanft und bestimmt den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen.

Ich war erstaunt, wie aktuell viele „indianische Philosophien“ in unsere Zeit passen. Ihre Fähigkeit, bestimmte Situationen des Lebensweges eines Individuums oder eines Stammes zu erkennen, sie zu artikulieren und ihre Lösungsansätze, die zudem meist besten Humor beinhalten, haben mich tief beeindruckt.