Die obere Grenze

Jemand erzählte mir von der oberen Grenze der Freude, und ich ging sofort mit dieser Geschichte in Resonanz. Ja, die kenn ich auch, die gibt es tatsächlich in meinem Leben! Warum ist sie da?

Ich verstehe die untere Grenze des Leids, die macht mir Sinn. Ich habe sie erreicht, wenn ich echt die Schnauze voll habe, von meinem immer wieder reingehen in das gleiche Drama, von meiner depressiven Stimmung, meinem Stagnieren und im Keller sitzen, meiner mich limitierenden Angst. Die Grenze gleichzeitig ist der Wendepunkt, dann wenn ich mich dieser Situation voll hingebe und annehme, und ich dann anfange mich an leuchtenden Strohhalmen festzuhalten, in die Handlung gehe und mir Hilfe hole auf irgendeine Art und Weise.

Die obere Grenze der Freude erlebe ich immer wieder. Wenn ich dankbar eintauche in das Gefühl der Glückseligkeit ist da schnell das Stoppschild: „Wirst sehen, das dauert nicht lang“. Es ist eine Angst, die da versteckt und immer präsent den Tanz in der Glückseligkeit mittanzt. So etwas wie ein Speedlimit: mehr ist nicht erlaubt. Als Kind, als ich die spontanen, unbeschwerten, quietschvergnügten Momente und Träume leben wollte, waren da klare Ansagen: „Du wirst dich schon noch anschauen!“ oder „Übermut tut selten gut“. Es scheint, als ob die Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, Freude nicht ertragen kann.

Heute kann z.B. eine harmonische verliebte Phase der Zweisamkeit zerschmettert werden durch einen Streit aus dem Nichts. Nichts wird’s mit dem himmlischen Gefühl für immer. Kann ich das Gefühl von Glückseligkeit nicht ertragen? Oft finde ich einen Gedanken, der mir einen glücklichen Tag verstimmt. Ich bekomme bestätigt: „Das Leben ist kein Honiglecken!“, „So ist das Leben halt, du kannst nicht alles haben!“

Ich liege an einem einsamen Platz am See, ich werde im Freien schlafen, auf der Mutter Erde gebettet und genieße diese besondere Stimmung. Die Sonne geht unter und ich erinnere mich, dass in ein paar Tagen Sommersonnwende sein wird. Sommersonnwende. Ich lasse dieses Wort wie Schokolade auf meiner Zunge zergehen.

Sommersonnwende, das Wort dringt in mein Hirn, in meinen Körper. Sommer Sonn Wende – Höchstand der Sonne, der längste Tag im Jahr! Ein Jubel, die höchste Freude, ein Fest! Jetzt. Und nach dem jetzt kommt etwas anderes.

Was mir die Sommersonnwende erzählt:
Erstens: „Das Leben IST ein Honiglecken!“ Jetzt genau in diesem Moment. Es liegt an mir zu feiern, VOLL und GANZ, hier und jetzt. Zweitens: „Das Leben IST KEIN Honiglecken!“ Ich zweifle, ich grüble, ich hadere, ich grabe alles um. Ich tauche VOLL und GANZ ein in die Dunkelheit, hier und jetzt.

Kann ich diese Grenzen nach oben und unten verschieben? Ja, ich möchte sie nach oben verschieben. Die Freude feiern, fühlen, spüren, in dem Moment indem sie IST, ohne Grenze – das möchte ich. Wissend das Höhepunkt auch Wendepunkt ist, egal wie hoch er ist.
Wissend alles hat seine Zeit, alles geht vorbei.

Gabriele Wieder, Juni 2020