Auszug aus dem Buch: Übergangsrituale – Visionssuche, Jahreszeitliche Feste, Medizinradarbeit

Autor: Franz P. Redl mit Beiträgen von Claudia R. Pichl, Geseko v. Lüpke, Meredith Little, Scott Eberle, Christian Kirchmair, Helmut Andraschko

Kapitel 5
Visionssuche – Das Übergangsritual; Themen und Rahmenbedinungen

Die drei Phasen des Übergangs: Loslösung, Liminalzeit und  Integration

Eine indianische Geschichte

Der Adler kann bis zu 70 Jahre alt werden, aber in der ungefähren Lebensmitte muss er eine Entscheidung treffen: Seine Krallen und sein Schnabel sind so lange geworden, dass er kein Wild mehr jagen kann, und seine Federn so lange und so schwer, dass er kaum mehr fliegen kann. Er hat zwei Möglichkeiten, sich zu entscheiden: entweder zu sterben, oder sich zurückzuziehen, an einen Ort fliegen, an dem er seinen Schnabel und seine Krallen abschlagen kann und abnagt, und sein Federkleid verliert, sodass neue, junge, kleine Federn nachwachsen können.

Diese Allegorie und mythologische Geschichte betrifft viele Menschen, die auf Visionssuche kommen. Egal, ob sie 30, 40 oder 60 Jahre alt sind – es gibt eine Entscheidung zu treffen.

Was sind mögliche Themen für eine Visionssuche? Auf einer allgemeinen Ebene könnte man sagen, dass eine Visionssuche dann stattfindet, wenn der entsprechende Lebenszyklus es erfordert, oder auch wenn große Änderungen im Leben – im Beruf, in der Beziehung – stattfinden bzw. existenzielle Fragen der Seele und des Geistes nach der eigenen Berufung, nach dem eigenen Sinn des Lebens auftauchen.

Wenn wir zu den Übergängen der entsprechenden Lebensphasen übergehen, wie wir sie in Kapitel 2 beschrieben haben, dann gibt es die klassischen Übergänge Geburt, Kindheit, Pubertät, Erwachsen-Werden und zum Alten-Werden. In unserer modernen Welt mit unseren unzähligen, individuellen Lebensentwürfen, kommen Menschen mit so unterschiedlichen Themen wie: einen Platz im Leben finden, bereit für einen Partner werden, meine Macht und meine Fähigkeiten annehmen, mein Vater- oder Mutter-Sein annehmen, zu meiner Partnerschaft stehen und mich hundertprozentig einlassen, Übergang zum Single, sich selbst lieben, was soll ich mit meiner zweiten Lebenshälfte machen. Das sind alles immer wieder existenzielle Themen, die im Hintergrund mit den vier Himmelsrichtungen und deren Fragen zu tun haben: Wer bin ich (Süden)? Woher komme ich (Westen)? Was sind meine Fähigkeiten, was ist mein „Give-Away“ (Norden)? Was ist meine Vision? Wohin gehe ich (Osten?)

Immer sind es Übergänge von einem Zustand, der den weiteren Weg behindert, zu einem neuen Zustand, der dem Weg der Seele jetzt besser gerecht wird. Oft ist es wie eine innere Stimme, die ruft, die hinterfragt, die einen in dieses große Übergangsritual hineinholt.

Vorbedingungen zur Teilnahme an einer Visionssuche bzw. einem Übergangsritual

Die folgenden Punkte gelten generell für Übergangsrituale, besonders jedoch für die Visionssuche, da sie normalerweise einer intensiveren Vorbereitung bedarf, und Idealerweise zumindest zwei bis drei Monate dauern sollte.

Wenn wir mögliche Vorbedingungen zusammenfassen, so sprechen wir aus unserer Erfahrung der letzten zwölf Jahre.

1. Bereit sein für Veränderungen, und sich darauf einlassen wollen.

2. Grundlegende Reflexionsfähigkeit und gewisse Einsichten in die eigene Lebenssituation, und das Erkennen und Annehmen, das etwas im Leben im Umbruch ist.

3. Eine Absicht entstehen lassen, die dann durch das Übergangsritual bzw. die Vorbereitungsphase in der Visionssuche noch geschärft wird.

4. Eine zumindest grundlegende Bereitschaft, sich auf innere Prozesse einzulassen, die nicht nur angenehm sind und ein Wohlgefühl hervorrufen werden. Gemeint ist das Einlassen darauf, sich nicht nur dem Denken, sondern auch dem Körper und der Psyche und dem Spirit anzuvertrauen, und auf allen diesen vier Ebenen hin zu horchen, und den Informationen und Hinweisen, die auftauchen werden, zu folgen.

5. Eine gewisse psychische Stabilität – Wer tief in einer Krise steckt, sehr an depressiven Verstimmungen leidet, oder an Süchten oder Abhängigkeiten, sollte zuerst diese Krisen bzw. Abhängigkeiten lösen und stabilisieren, sodass eine gewisse grundlegende Ich-Stärke vorhanden ist, bevor eine Visionssuche besucht wird.

6. Die Bereitschaft, ein gewisses Vertrauen den Mentoren und BegleiterInnen entgegenzubringen und auch dem uralten Prozess einer Visionssuche, eines Übergangsrituals zu vertrauen. Natürlich sollen hier die kritische Stimme und die kritische Distanz nie ganz verloren gehen.

7. Weitgehende körperliche Fitness sowie psychische und mentale Gesundheit. Bei eigenem Zweifel oder bei Zweifeln von uns als BegleiterInnen, sollte schon im Vorfeld   mit einer entsprechenden SpezialistIn oder TherapeutIn beraten werden, ob ein Übergangsritual zu diesem Zeitpunkt möglich ist.

Wir raten nach unserer jahrelangen Erfahrung bei einer Visionssuche dazu, dass sich die Teilnehmer und die Begleiter vorher zumindest telefonisch und – wenn möglich – persönlich kennen lernen sollen, um schon im Vorfeld   eine gewisse   Vertrauensbasis aufbauen zu können. Da wir nicht wie in einer traditionellen Stammeskultur als Ältere und Initiant miteinander kommunizieren, stehen wir auch nicht in einem entsprechenden Naheverhältnis, und deshalb ist es für das Gelingen einer Visionssuche und eines Übergangsrituals notwendig, eine entsprechende Vertrauensbasis zu schaffen. Nicht nur der Teilnehmer sollte sich dem Älteren oder Visionssucheleiter gegenüber sicher sein. Auch ich als Visionssucheleiter muss mir sicher sein, dass gewisse Abmachungen von den Teilnehmern eingehalten werden, die vor allem deren Sicherheit betreffen. Auch wenn eine Visionssuche eine sehr individuelle Angelegenheit ist, ist   nie zu vergessen, dass die gesamte Gruppe durch eine Schlamperei oder Unachtsamkeit eines einzelnen Teilnehmers in Mitleidenschaft gezogen werden kann.

Die Wahl des Ortes in der Natur

Jedes Land, jede Naturlandschaft hat ihren Ausdruck, ihre Geschichte und ihre Form. Klima und verschieden geformte Jahreszeiten gestalten die Gesteinsschichten, die Pflanzen- und die Tierwelt. Die Geschichte der dort ansässigen Menschen bzw. ihrer Kulturgeschichte prägen sich in die Landschaft, in die Seele der Natur ein. Wenn ich nun in ein bestimmtes Land fahre, oder ein Übergangsritual wie eine Visionssuche bei mir zuhause feiern möchte, schwingen alle diese verschiedenen Ausformungen und Prägungen von Außen auf mich ein und haben dadurch einen sehr wesentlichen und wichtigen Anteil an meinen inneren Prozessen, die durch die drei Abschnitte eines Übergangsrituals zum Schwingen kommen. Die Mythen, Märchen und Überlieferungen dieser Naturlandschaft wirken noch als zusätzlicher Katalysator, egal, ob sie mir bewusst und bekannt sind oder nicht. Wenn ich für eine Visionssuche in die europäischen Alpen in Österreich, der Schweiz oder Deutschland gehe, wirkt diese äußere Landschaftsform auf mich ein. Es wird sich alles Innerpsychische, alle inneren Prozesse meiner Seele durch die äußere Landschaft der Berge, des Wetters, der Bäche und der Tierwelt spiegeln. Es kann genauso sein, dass die Märchen und Mythen dieser Landschaft sich in Träumen zeigen, in Symbolen zu mir sprechen, und die Tiere und Pflanzen in meiner jetzigen Situation meine Seele spiegeln werden. Wenn ich hingegen in die Wüste, in den Sinai, die Sahara oder die Kalahari gehe, wirken ganz andere, wenn auch nicht so vertraute Einflüsse, auf mich ein. Die unendliche Weite der anfangs als monoton empfundenen Sand- und Gesteinslandschaft, lässt vielleicht zu Beginn Angst und Beklemmung auftauchen. Andere TeilnehmerInnen spüren durch die Weite wiederum Freiheit und eine Befreiung von zu engen Grenzen in ihrem Leben. Das Andere, das Fremde, das Unbekannte, kann für Teilnehmer unterstützend sein, um das Alte, ihr ehemaliges Leben, ihren Alltag, zumindest für kurze Zeit hinter sich zu lassen. Das Fremde hilft oft, sich vom alten Leben und von alten Mustern zu lösen, und es bedarf manchmal einer weiten äußeren Reise ins Unbekannte, um das Neue in der Liminalzeit und in der anschließenden Integrationszeit in der Gruppe für sich annehmen zu können. Für andere TeilnehmerInnen wiederum ist es wesentlich, sich in einer vertrauten äußeren Landschaft vom Alten zu lösen, auf vertrautem Boden mit einheimischen Bräuchen, Sagen und Mythen, im Hintergrund einer vertrauten Pflanzen- und Tierwelt, sich in die Liminalzeit zu begeben, wo man sich einige Tage mit seiner ganz persönlichen Geschichte und seinem Mythos auseinandersetzen kann. Für manche Teilnehmer ist es hilfreich, die eigenen Wurzeln, die eigene Familiengeschichte nochmals zu betrachten – auf eigenem, heimischem Boden, sodass dieser heimische Boden, diese heimische Natur mich selbst in vertrautem Umfeld spiegelt. Dies ist von Fall zu Fall sehr verschieden und manchmal in einem Jahr günstiger, eine Visionssuche in Österreich, Deutschland oder der Schweiz zu machen, und bei einer anderen Gelegenheit in ein fernes Land zu reisen. Von Fall zu Fall, von Thema zu Thema, sollte immer wieder ganz bewusst der Ort für ein Übergangsritual sorgfältig und bewusst ausgesucht werden.

Zusätzlich zu den vertrauten oder fremden Landschaften gibt es natürlich auch die Sprache – die Geomantie – jeder Landschaft, die Kunde der Natur, die sich in einer äußeren Form ausdrückt. Ob ich meine Liminalzeit auf einem Berggipfel oder in einem Flusstal sitzend verbringe, ist nicht gleichgültig, und beeinflusst mich auf ganz bestimmte Art und Weise. Wenn man das simplifizierende Muster von Ying und Yang bzw. das Vier-Schilde-System von West – Seele – Abstieg und Ost – Geist, Spirit – Aufstieg nimmt, gilt es, entsprechend meiner Absicht, den entsprechenden Ort zu wählen. Wenn meine Seele sich eher verbinden möchte, und in den tiefen Urgrund meines Unterbewussten absteigen soll, um entsprechende Themen zu betrachten und zu lösen, sind Landschaften wie Bach- und Flussläufe, Täler, tiefe Schluchten, Waldgebiete, Moore und Seen sicher hilfreich. Wenn meine Themen eher mit Aspekten des Geistes, des Aufstiegs, des Erhöht-Seins verbunden sind, dann sind Berggipfel und Bergplateaus, Lichtungen, weite Landschaften bzw. einzelne Baumgruppen oder Felsen in einem Hochtal stehend günstig. Es gibt Landschaften, die beide Aspekte – Ying und Yang – vereinen: sanfte Wüstenlandschaften, wo es Sanddünen und Gesteinsformationen gibt, Flusstäler mit umliegenden Hügeln und Bergen oder   ein weites Tal mit Berggipfeln im Hintergrund, Meeresküsten mit steilen Hängen und zerklüfteten Landschaften dahinter.

Warum wirken Übergangsrituale?

Übergangsrituale wie Visionssuchen wirken durch die Einbeziehung der Natur und der individuellen Naturerfahrungen, sodass die Absicht, die in die eigene Welt, in das eigene Leben gebracht werden möchte, mehr als nur durch den logischen, reflektierenden, rationalen Geist erfahren werden kann. Rituale sind prinzipiell immer auch körperliche Erfahrungen, geerdet, greif- und spürbar, wo genauso psychische und geistige Erfahrungsebenen angesprochen werden.

Die drei Phasen des Übergangs: Loslösung, Liminalzeit und Integration – Eine Übersicht

„Immer hatten Mythen und Riten und Übergangsrituale die Symbole zu liefern, die den Menschen vorwärts tragen, und den anderen ebenso konstanten Phantasiebildern entgegenzuwirken, die ihn an die Vergangenheit ketten wollen.“ (Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten , S. 20)

Visionssuche ist ein bis heute überliefertes Übergangsritual, das auf allen Kontinenten und in allen Kulturen bekannt ist bzw. war. Manchmal finden Übergänge nur für Jugendliche statt, die den Erwachsenen-Status erreichen, manchmal nur für Männer, manchmal, um Erwachsene zum Alten zu begleiten, oder auch um eine spezifische spirituelle Frage beantwortet zu bekommen. Es gibt Kulturen bis heute, in denen es ganz alltäglich ist, sich immer wieder für einige Tage in die Natur zurückzuziehen, und im Angesicht seiner selbst und seinen Fragen, Sehnsüchten, seinen Ängsten und Unsicherheiten, sich der wilden Natur auszusetzen. Dieses zeitweise Zurückziehen aus der Gemeinschaft hatte den Aspekt des Innehaltens, des Sich-Reinigens, des Klärens von existenziellen Fragen.

Das Wort „Vision“, besser umschrieben als „um ein Gesicht flehen“ (in der Sprache der Lakota), ist nur ein Aspekt einer Visionssuche. Oft geht es um eine Bestätigung einer schon getroffenen Entscheidung, oder ein rituelles Festigen einer Absicht, die bereits im Leben wirkt, aber noch bestärkt werden möchte.

Auf Visionssuche kann man auch gehen, um seinen neuen Beruf ins Leben zu rufen, oder eine Heirat vorzubereiten, oder bei einem Übergang in einen neuen sozialen Status sich diese Auszeit zu gönnen, und sich allen aufsteigenden Fragen alleine, im Angesicht der Natur, zu stellen.

Eine Visionssuche kann auch dazu dienen, sich von einem geliebten Menschen zu verabschieden – sei es nach einer Trennung oder nach einem Sterbefall. Man kann sich auch verabschieden von einem Projekt oder einer Lebensphase, die es nun loszulassen gilt.

Der Held ist deshalb der Mensch, ob Mann oder Frau, der fähig war, sich über seine persönlichen und örtlich-historischen Grenzen hinauszukämpfen zu den allgemein gültigen, eigentlich menschlichen Formen. Seine Visionen, Ideen und Eingebungen kommen unverdorben von den Urquellen menschlichen Lebens und Denkens.

((Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten, S. 26))

Erste Phase: Loslösung

Bevor ich als TeilnehmerIn auf eine Visionssuche gehe, ist einiges zu klären und zu lösen. Was ist vorher zu tun? Einige spezifische Fragen und Lebensthemen sollten reflektiert und schon vor der Gruppe hinterfragt werden:

  • Wo stehe ich gerade in meinem Leben?
  • Gibt es etwas loszulassen und zu verabschieden?
  • Was oder wer bringt mich immer wieder in Schwierigkeiten in meinem Alltag?
  • Lebe und arbeite ich entsprechend meinen wahren Fähigkeiten?
  • Gibt es eine Lebensvision, ein Lebensziel zu erkennen und zu würdigen?
  • Wie sehen meine Beziehungen zu anderen Menschen aus?
  • Was gibt es nun in der kommenden Lebensphase zu verwirklichen und ins Leben zu bringen?

Die TeilnehmerInnen machen in der Vorbereitungsphase eine sogenannte Medizinwanderung (die im Kapitel 4 beschrieben wurde), um so tiefer einzutauchen in alle diese Fragen. Alles was bei dieser Medizinwanderung erfahren und reflektiert wurde, wird als Geschichte zur Gruppe mitgebracht. Es ist ideal, wenn man mehrere Wochen bis Monate zur Vorbereitung hat, bevor man zu diesem großen Übergangsritual geht.

Die Vorbereitung in der Gruppe findet dann bereits am Gelände der Schwellenzeit, oder in unmittelbarer Nähe statt. Mithilfe von kleinen Naturübungen und den MentorInnen wird versucht, das Thema, die Absicht, warum man über die Schwelle in die sogenannte Auszeit geht, klarer herauszuschälen, um einen Absichtssatz zu finden, der durch diese Tage und Nächte durchführen kann – wie ein Lichtstrahl, der die Seele leitet.

In den Vorbereitungstagen werden auch alle sicherheitstechnischen und Verhaltensmaßnahmen für schwierige Zeiten besprochen. Nicht nur die Ausrüstung muss gut sein, sondern auch die körperlich-psychische und geistige Verfassung des Initianten wird überprüft und hinterfragt.

Am letzten Abend vor der Auszeit werden am gemeinsamen Feuer die Absichten von jedem Helden, von jeder Heldin bekannt gegeben und somit verkündet, womit jeder über die Schwelle geht, sodass es auch einen Rückhalt gibt von allen anderen, die ebenso mit ihrem eigenen Thema hinausgehen. Das gilt auch für die Älteren, die   BegleiterInnen, die sogenannten „Waschbären“, die im Basislager wachen und jederzeit zur Verfügung stehen.

Es wird durch gemeinsame Gebete und Lieder noch einmal im gemeinsamen Kreis gesessen, und auch die Erinnerung   wachgerufen, dass jeder in seine Auszeit nicht nur zu seinem eigenen Wohle und seinem persönlichen Wachstum hinausgeht, sondern immer auch für die Menschen, mit denen er im Alltag zu tun hat.

Zweite Phase: Schwellenzeit/Liminalzeit/Auszeit

Mit einem Wort: die erste Tat des Helden ist es, sich vom Schauplatz der Erscheinungen, der offen zutage liegenden Wirkungen zurückzuziehen und die ursächlichen Zonen der Seele aufzusuchen, wo die wahren Schwierigkeiten liegen, […].

((Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten, S. 26))

  Jede Teilnehmerin wird beim Sonnenaufgang in einem kleinen Verabschiedungsritual über die Schwelle entlassen, und jeder macht sich bereit, den Alltag, die Menschen hinter sich zu lassen, um seine Absicht ins Leben zu bringen. Jeder Initiant macht sich auf, um die Belehrungen seiner Seele, der Natur, des Himmels, der Pflanzen und Tiere zu empfangen. Die Liminalzeit hat den Sinn, allen Überfluss und Ballast hinter sich zu lassen, und nur mit dem notwendigsten ausgerüstet zu sein. Mit Wasser, fastend, mit einem Tagebuch, und eventuell einer Rassel begibt sich der Initiant auf seinen selbst gewählten Platz. Alles, was erlebt wird, hat seine Bedeutung und hat einen Sinn, den nur der Held, die Heldin erkennen kann.

Joseph Campbell hat dazu geschrieben: „Durch diese Erfahrung zwischen den Welten wird der eigene Mythos neu geschrieben und neu erfahren, sodass die Heldin mit neuen Augen auf die Welt zu den Menschen zurückkehren kann.“   Der Abstieg in die eigene Seelenlandschaft, in das Unbewusste, ist eine sehr körperliche, direkte Erfahrung, auf die man nach der Rückkehr immer wieder zurückgreifen kann, da sie bereits inkorporiert ist (auf der zellulären Ebene). Ein gleichzeitiger Aufstieg in dieser Schwellenzeit findet oft besonders bemerk- und wahrnehmbar am dritten und vierten Tag, oder in der letzten Nacht statt. Dort ist man einerseits dünnhäutig, durchlässig, und andererseits geerdet, kann den Großen Geist, den Spirit, immer direkter erfahren.   Außergewöhnliche Erfahrungen von Gnade, Verbundenheit, oder auch „Gipfelerfahrungen“ sind durchaus üblich. Diese Erfahrungen sind nicht willentlich herbeizuführen oder zu machen, sondern ein Geschenk der Natur, der Erde, der Spirits, ein Geschenk, das zwischen Himmel und Erde dargeboten wird. Es gilt für den Initianten, es zu erkennen. Dieses Geschenk äußert sich manchmal in Form eines „Medizingeschenkes“, in Form eines Liedes, eines Gedichtes, eines Mantras, einer alleins-machenden Erfahrung, oder einer eindeutigen Lebensaufgabe, die einem für das Leben geschenkt wird.

Es gäbe noch viel zu sagen über diese Schwellenzeit, und ich möchte auf die Bücher, die im Literaturverzeichnis angeführt sind und die eine ausführliche Beschäftigung mit diesen drei Phasen, insbesondere mit der Auszeit/Liminalzeit, bieten, hinweisen.

Dritte Phase: Integration/Inkorporation

Die Teilnehmer kommen am vierten bzw. am fünften Morgen nach dem Sonnenaufgang in den Kreis der Menschen zurück. Nach einem Willkommensritual wird die erste Mahlzeit als Fest miteinander geteilt, um so den Geist wieder mehr mit dem Körper zu verbinden. Nach einer Phase der Erholung und Eingewöhnung an einen Alltag in der Gruppe, beginnt jeder, seine Geschichte, seine Erfahrungen, seinen neuen Mythos zu erzählen. Diese Phase ist ein ganz wesentlicher Zeitrahmen bevor die Teilnehmer nachhause fahren, stellt es doch das erste Mal im neuen Leben die Möglichkeit dar, von seinen gemachten Erfahrungen, Höhen und Tiefen, zu erzählen. Die TeilnehmerInnen der Gruppe hören zu, bestärken und unterstützen, ebenso wie die Älteren, die die Kunst des „Mirroring“ dem Initianten anbieten, und ihm helfen sollen, seine Erfahrungen in all seinen Tiefen und vielfältigen Aspekten zu verstehen und ins neue Leben zu bringen.