- Spirale der Wandlung - Spirale zum Selbst
- Übergangsrituale - Auszug aus dem neuen Buch

- In der Wildnis wachsen...
- Jumping Mouse
- Der Regenmacher von Kiao Chow
- "… der mit dem Coyoten tanzt"
- Die 4 Schilde


Spirale der Wandlung - Spirale zum Selbst

Eine Anbindung an die eigene Natur durch die Verbindung mit den jahreszeitlichen Qualitäten menschlicher Entwicklung.

„ Wolle die Wandlung, o sei für die Flamme begeistert,
drin sich ein Ding dir entzieht, das mit Verwandlung prunkt;
jener entwerfende Geist, welcher das Irdische meistert,
liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden Punkt.

.... Wer sich als Quelle ergießt, den erkenn die Erkennung;
und sie führt ihn entzückt durch das heiter Geschaffene,
das mit Anfang oft schließt und mit dem Ende beginnt...

Rainer Maria Rilke

In unserer Gesellschaft wird – neben dem Materiellen – der Persönlichkeit und dem Ego viel Bedeutung beigemessen. Aber für die „großen“ Fragen des Menschseins und unsere Sehnsucht nach einem seelenvollen Leben bleibt meist wenig Zeit und Raum.

Und diese Fragen wollen wieder und wieder gestellt werden, dieses Innehalten will geübt werden, damit auch nur eine kleine Chance im Alltag entsteht, dass wir unsere Gewohnheiten und Verhaltensmuster doch eines Tages ändern.

Dabei geht es nicht darum, irgendwelche Methoden oder Techniken zu erlernen und dann abzuhaken. Das ist eine Illusion, der schon viele Menschen aufgesessen sind. Ramana Maharshi hat sein ganzes Leben lang sich und seinen SchülerInnen nur eine Frage gestellt:

„Wer bist du?“

Wir kennen weitere Fragen spiritueller Traditionen, wie:
„Woher kommst du?“, „Was sind deine Fähigkeiten“, „Was ist deine Vision?“

Oft wird in diesen Überlieferungen vom „wahren Selbst“ gesprochen: Der/Die zu werden, die/der wir wirklich sind. „Wahre Selbst“-Verwirklichung, die viel tiefer geht als die Persönlichkeits- oder Egoverbesserung, die in unserem Alltag verlangt und gefördert wird: mehr, schneller, effizienter, angepasster, schöner, besser ...

Wir versuchen zu entsprechen und uns entsprechend zu verändern und hinken doch nur zu oft hinterher, weil die Norm eine uns fremde ist. Wie der Esel hinter der Karotte folgen wir persönlichkeits-verbessernden Maßnahmen und sind trotzdem unglücklich, weil wir unser ‚wahres’, unser ‚höheres’ oder auch ‚tieferes’ Selbst aus den Augen verloren haben. Und damit unseren Sinn.

Was können uns Naturseminare und Jahreszeitliche Rituale in dieser Situation des 21. Jahrhunderts noch bieten?

Die äußere Natur mit ihren Jahreszeiten kann dem Menschen wie ein Spiegel sein für das Wesentliche in seinem Leben, denn:

  • die Natur ist einfach und komplex zugleich
  • die Natur ist zyklisch dynamisch
  • die Natur ist immer in Veränderung
  • loslassen und neu kreieren sind natürliche Prozesse
  • der Zyklus der Natur erinnert uns an unsere Sterblichkeit
  • wir Menschen sind ein Teil der Natur, wir sind selbst auch Natur
  • in der Natur ist die Information/der Gehalt des Vergangen im Neuen enthalten
  • wir bestehen aus Körper, Psyche, Geist, Seele und GEIST


Spiralen der Wandlung – Spirale zum Selbst

Jahreszeitliche Feste, Rituale, Seminare bringen uns nicht nur mit der entsprechenden Energie der Jahreszeit in Berührung, sie bringen uns mit der äußeren Natur, mit anderen Lebewesen unserer Erde, mit gleich gesinnten Menschen in näheren Kontakt. Wir schwingen mit einem Rhythmus, der sehr alt, sehr allgemein und doch sehr individuell gefärbt ist.

Klingt ziemlich trivial? Ja, Sinn stiftendes, stimmiges kann auch etwas Triviales an sich haben. Manchmal sind die Antworten so einfach, so nahe liegend und wir fragen uns, warum wir da nicht früher draufgekommen sind? Die Antwort war da, nur wir waren nicht da. Wir verbringen mehr und mehr Zeit weit weg von uns selbst. Wie viele Stunden verbringt der moderne Mensch in der Zwischenzeit in seiner digitalen Parallelwelt? Festgefahren in den alltäglichen Anforderungen und Ansprüchen ohne „Fleisch und Blut“? In abgeschotteten, klimatisierten Räumen, wo Temperatur und Licht immer gleich sind, als indirekte Aufforderung auch genauso gleich bleibend zu leben, zu sein?
Oder: Shopping ist zur beliebtesten Freizeitbeschäftigung geworden – wo finde ich meine Ersatzidentität, in welcher Hose, welchem Outfit, welchem neuen technischen Gerät? Weit weg von sich selbst...
Und daneben geht die scheinbar banale Entwicklung des Lebens vor sich.

Zieht man das uralte, weltweit vorhandene sog. Medizinrad der menschlichen Entwicklung zur Orientierung heran, so kann man folgende Ideal-Entwicklung (und entsprechende nicht-ideale Abweichungen) erkennen:

  • Wir werden geboren, sind Kinder. Im Medizinrad der 4 Schilde oder der 4 Jahreszeiten der menschlichen Entwicklung ist dies die Position des Südens, des Sommers, der Unschuld, des „Ich will“

  • Wir werden zu Jugendlichen. Dies entspricht dem Westen, dem Herbst im Medizinrad. Der Jugendliche trennt sich von seinem Zuhause und lernt durch alle Umbrüche, Unsicherheiten und dunklen Prüfungen hindurch zu kommen. Dort wo im Idealfall die Liebe der Eltern war, ist die Heimat der Selbst-Liebe.

  • Wir werden zu Erwachsenen. Norden, Winter, wir verlieren die Jungfräulichkeit, gebären selbst Kinder, sind Eltern, heiraten, trennen uns wieder, arbeiten, übernehmen Verantwortung, stehen ein für unsere Träume, der Ort des „Wir“.

  • Wir werden alt. Osten, Frühling, wir gehen durch Menopause und Wechseljahre, ziehen uns aus dem Erwerbsleben, aus der materiellen Verantwortung für die Gemeinschaft zurück, werden Weise, werden Greise und sterben.

Das innerste Wesen unseres Selbst hat sich seit den frühesten Tagen menschlichen Seins in keiner Weise verändert. Unsere Gene bestehen immer noch aus dem ursprünglichen Wissen um diese Zusammenhänge. Unsere menschlichen Jahreszeiten wandeln sich genauso, wie die äußeren und vergehen. Wir entspringen dieser Welt, wir erblühen, reifen, verfallen, wir sterben. Und an diesen ewigen Kreislauf können wir uns im Jahresablauf erinnern, können uns“ anbinden“. Und wir können unsere ‚Problemzonen’, unser ‚Karma’ begreifen und lösen lernen: Wo stecke ich fest? Wo staut sich die Energie der Wandlung und produziert schmerzende Geschwülste, leere Illusionsblasen, dicke Luft? Welche Ressourcen, welcher Blickwinkel könnte mich wieder in Bewegung bringen auf dem Weg zu mir, zu meinem Kern, meinem Selbst? Oder: Wo bewege ich mich rasch, aber leider im Kreis oder an der Oberfläche, immer in derselben Rille?

Eine berühmte Zen Geschichte, nacherzählt:

„Ein Schüler kommt zum Meister. Der Schüler sitzt noch kaum, schon stellt er die erste Frage. Der Meister blickt auf und fordert ihn auf, seine Teetasse füllen zu lassen. Er gießt ein, bis die Tasse übergeht – aber er gießt weiter ein. Erschrocken zieht der Schüler die Hand zurück und fragt, warum er nicht aufhöre nachzuschenken. „ Du bist genauso übervoll wie diese Tasse – und willst neues Wissen anhäufen, ohne dass noch Platz und Raum ist für den neuen Tee. Leere zuerst deine Tasse.“


Dieses immer wieder in die Natur gehen, das Innehalten, leer werden, sich neu orientieren, aber auch die Bereitschaft das Erlebte mit anderen Menschen zu teilen ist ein geduldiges Wachsen entlang einer Spirale – abwärts und nach innen aber auch nach oben und nach außen. Es ist ein Anbinden an immer währende Verwandlung, an Sterben und Gehen lassen. Im Bewusstsein, dass dadurch unsere Seele wachsen kann – sich ausbreiten kann in unserem ganzen Wesen und somit so groß werden darf, wie sie sein möchte.
Das Zyklische der Natur erinnert uns an die natürlichen Rhythmen des Lebens – von Beginn und Beenden, von Gemeinsam und Getrennt sein, von Ein- und Ausatmen.

In der Shambhala Wilderness Schule gibt es ab Frühjahr 06 die Möglichkeit mit Jahreszeitlichen Seminaren entsprechend dem Medizinrad und den 4 Schilden seine Seele wachsen zu lassen. Als Bild dient uns die Spirale als Verbindung von Zyklischem und Wachstum!



Auszug aus dem Buch: Übergangsrituale -
Visionssuche, Jahreszeitliche Feste, Medizinradarbeit

erscheint im Frühjahr 09 im Drachenverlag;
Autor: Franz P. Redl mit Beiträgen von Claudia R. Pichl, Geseko v. Lüpke, Meredith Little, Scott Eberle, Christian Kirchmair, Helmut Andraschko

Kapitel 5
Visionssuche – Das Übergangsritual; Themen und Rahmenbedinungen
Die drei Phasen des Übergangs: Loslösung, Liminalzeit und   Integration

Eine indianische Geschichte

Der Adler kann bis zu 70 Jahre alt werden, aber in der ungefähren Lebensmitte muss er eine Entscheidung treffen: Seine Krallen und sein Schnabel sind so lange geworden, dass er kein Wild mehr jagen kann, und seine Federn so lange und so schwer, dass er kaum mehr fliegen kann. Er hat zwei Möglichkeiten, sich zu entscheiden: entweder zu sterben, oder sich zurückzuziehen, an einen Ort fliegen, an dem er seinen Schnabel und seine Krallen abschlagen kann und abnagt, und sein Federkleid verliert, sodass neue, junge, kleine Federn nachwachsen können.

Diese Allegorie und mythologische Geschichte betrifft viele Menschen, die auf Visionssuche kommen. Egal, ob sie 30, 40 oder 60 Jahre alt sind – es gibt eine Entscheidung zu treffen.

Was sind mögliche Themen für eine Visionssuche? Auf einer allgemeinen Ebene könnte man sagen, dass eine Visionssuche dann stattfindet, wenn der entsprechende Lebenszyklus es erfordert, oder auch wenn große Änderungen im Leben – im Beruf, in der Beziehung – stattfinden bzw. existenzielle Fragen der Seele und des Geistes nach der eigenen Berufung, nach dem eigenen Sinn des Lebens auftauchen.

Wenn wir zu den Übergängen der entsprechenden Lebensphasen übergehen, wie wir sie in Kapitel 2 beschrieben haben, dann gibt es die klassischen Übergänge Geburt, Kindheit, Pubertät, Erwachsen-Werden und zum Alten-Werden. In unserer modernen Welt mit unseren unzähligen, individuellen Lebensentwürfen, kommen Menschen mit so unterschiedlichen Themen wie: einen Platz im Leben finden, bereit für einen Partner werden, meine Macht und meine Fähigkeiten annehmen, mein Vater- oder Mutter-Sein annehmen, zu meiner Partnerschaft stehen und mich hundertprozentig einlassen, Übergang zum Single, sich selbst lieben, was soll ich mit meiner zweiten Lebenshälfte machen. Das sind alles immer wieder existenzielle Themen, die im Hintergrund mit den vier Himmelsrichtungen und deren Fragen zu tun haben: Wer bin ich (Süden)? Woher komme ich (Westen)? Was sind meine Fähigkeiten, was ist mein „Give-Away“ (Norden)? Was ist meine Vision? Wohin gehe ich (Osten?)

Immer sind es Übergänge von einem Zustand, der den weiteren Weg behindert, zu einem neuen Zustand, der dem Weg der Seele jetzt besser gerecht wird. Oft ist es wie eine innere Stimme, die ruft, die hinterfragt, die einen in dieses große Übergangsritual hineinholt.

Vorbedingungen zur Teilnahme an einer Visionssuche bzw. einem Übergangsritual

Die folgenden Punkte gelten generell für Übergangsrituale, besonders jedoch für die Visionssuche, da sie normalerweise einer intensiveren Vorbereitung bedarf, und Idealerweise zumindest zwei bis drei Monate dauern sollte.

Wenn wir mögliche Vorbedingungen zusammenfassen, so sprechen wir aus unserer Erfahrung der letzten zwölf Jahre.

1. Bereit sein für Veränderungen, und sich darauf einlassen wollen.

2. Grundlegende Reflexionsfähigkeit und gewisse Einsichten in die eigene Lebenssituation, und das Erkennen und Annehmen, das etwas im Leben im Umbruch ist.

3. Eine Absicht entstehen lassen, die dann durch das Übergangsritual bzw. die Vorbereitungsphase in der Visionssuche noch geschärft wird.

4. Eine zumindest grundlegende Bereitschaft, sich auf innere Prozesse einzulassen, die nicht nur angenehm sind und ein Wohlgefühl hervorrufen werden. Gemeint ist das Einlassen darauf, sich nicht nur dem Denken, sondern auch dem Körper und der Psyche und dem Spirit anzuvertrauen, und auf allen diesen vier Ebenen hin zu horchen, und den Informationen und Hinweisen, die auftauchen werden, zu folgen.

5. Eine gewisse psychische Stabilität – Wer tief in einer Krise steckt, sehr an depressiven Verstimmungen leidet, oder an Süchten oder Abhängigkeiten, sollte zuerst diese Krisen bzw. Abhängigkeiten lösen und stabilisieren, sodass eine gewisse grundlegende Ich-Stärke vorhanden ist, bevor eine Visionssuche besucht wird.

6. Die Bereitschaft, ein gewisses Vertrauen den Mentoren und BegleiterInnen entgegenzubringen und auch dem uralten Prozess einer Visionssuche, eines Übergangsrituals zu vertrauen. Natürlich sollen hier die kritische Stimme und die kritische Distanz nie ganz verloren gehen.

7. Weitgehende körperliche Fitness sowie psychische und mentale Gesundheit. Bei eigenem Zweifel oder bei Zweifeln von uns als BegleiterInnen, sollte schon im Vorfeld   mit einer entsprechenden SpezialistIn oder TherapeutIn beraten werden, ob ein Übergangsritual zu diesem Zeitpunkt möglich ist.

Wir raten nach unserer jahrelangen Erfahrung bei einer Visionssuche dazu, dass sich die Teilnehmer und die Begleiter vorher zumindest telefonisch und – wenn möglich – persönlich kennen lernen sollen, um schon im Vorfeld   eine gewisse   Vertrauensbasis aufbauen zu können. Da wir nicht wie in einer traditionellen Stammeskultur als Ältere und Initiant miteinander kommunizieren, stehen wir auch nicht in einem entsprechenden Naheverhältnis, und deshalb ist es für das Gelingen einer Visionssuche und eines Übergangsrituals notwendig, eine entsprechende Vertrauensbasis zu schaffen. Nicht nur der Teilnehmer sollte sich dem Älteren oder Visionssucheleiter gegenüber sicher sein. Auch ich als Visionssucheleiter muss mir sicher sein, dass gewisse Abmachungen von den Teilnehmern eingehalten werden, die vor allem deren Sicherheit betreffen. Auch wenn eine Visionssuche eine sehr individuelle Angelegenheit ist, ist   nie zu vergessen, dass die gesamte Gruppe durch eine Schlamperei oder Unachtsamkeit eines einzelnen Teilnehmers in Mitleidenschaft gezogen werden kann.

Die Wahl des Ortes in der Natur

Jedes Land, jede Naturlandschaft hat ihren Ausdruck, ihre Geschichte und ihre Form. Klima und verschieden geformte Jahreszeiten gestalten die Gesteinsschichten, die Pflanzen- und die Tierwelt. Die Geschichte der dort ansässigen Menschen bzw. ihrer Kulturgeschichte prägen sich in die Landschaft, in die Seele der Natur ein. Wenn ich nun in ein bestimmtes Land fahre, oder ein Übergangsritual wie eine Visionssuche bei mir zuhause feiern möchte, schwingen alle diese verschiedenen Ausformungen und Prägungen von Außen auf mich ein und haben dadurch einen sehr wesentlichen und wichtigen Anteil an meinen inneren Prozessen, die durch die drei Abschnitte eines Übergangsrituals zum Schwingen kommen. Die Mythen, Märchen und Überlieferungen dieser Naturlandschaft wirken noch als zusätzlicher Katalysator, egal, ob sie mir bewusst und bekannt sind oder nicht. Wenn ich für eine Visionssuche in die europäischen Alpen in Österreich, der Schweiz oder Deutschland gehe, wirkt diese äußere Landschaftsform auf mich ein. Es wird sich alles Innerpsychische, alle inneren Prozesse meiner Seele durch die äußere Landschaft der Berge, des Wetters, der Bäche und der Tierwelt spiegeln. Es kann genauso sein, dass die Märchen und Mythen dieser Landschaft sich in Träumen zeigen, in Symbolen zu mir sprechen, und die Tiere und Pflanzen in meiner jetzigen Situation meine Seele spiegeln werden. Wenn ich hingegen in die Wüste, in den Sinai, die Sahara oder die Kalahari gehe, wirken ganz andere, wenn auch nicht so vertraute Einflüsse, auf mich ein. Die unendliche Weite der anfangs als monoton empfundenen Sand- und Gesteinslandschaft, lässt vielleicht zu Beginn Angst und Beklemmung auftauchen. Andere TeilnehmerInnen spüren durch die Weite wiederum Freiheit und eine Befreiung von zu engen Grenzen in ihrem Leben. Das Andere, das Fremde, das Unbekannte, kann für Teilnehmer unterstützend sein, um das Alte, ihr ehemaliges Leben, ihren Alltag, zumindest für kurze Zeit hinter sich zu lassen. Das Fremde hilft oft, sich vom alten Leben und von alten Mustern zu lösen, und es bedarf manchmal einer weiten äußeren Reise ins Unbekannte, um das Neue in der Liminalzeit und in der anschließenden Integrationszeit in der Gruppe für sich annehmen zu können. Für andere TeilnehmerInnen wiederum ist es wesentlich, sich in einer vertrauten äußeren Landschaft vom Alten zu lösen, auf vertrautem Boden mit einheimischen Bräuchen, Sagen und Mythen, im Hintergrund einer vertrauten Pflanzen- und Tierwelt, sich in die Liminalzeit zu begeben, wo man sich einige Tage mit seiner ganz persönlichen Geschichte und seinem Mythos auseinandersetzen kann. Für manche Teilnehmer ist es hilfreich, die eigenen Wurzeln, die eigene Familiengeschichte nochmals zu betrachten – auf eigenem, heimischem Boden, sodass dieser heimische Boden, diese heimische Natur mich selbst in vertrautem Umfeld spiegelt. Dies ist von Fall zu Fall sehr verschieden und manchmal in einem Jahr günstiger, eine Visionssuche in Österreich, Deutschland oder der Schweiz zu machen, und bei einer anderen Gelegenheit in ein fernes Land zu reisen. Von Fall zu Fall, von Thema zu Thema, sollte immer wieder ganz bewusst der Ort für ein Übergangsritual sorgfältig und bewusst ausgesucht werden.

Zusätzlich zu den vertrauten oder fremden Landschaften gibt es natürlich auch die Sprache – die Geomantie – jeder Landschaft, die Kunde der Natur, die sich in einer äußeren Form ausdrückt. Ob ich meine Liminalzeit auf einem Berggipfel oder in einem Flusstal sitzend verbringe, ist nicht gleichgültig, und beeinflusst mich auf ganz bestimmte Art und Weise. Wenn man das simplifizierende Muster von Ying und Yang bzw. das Vier-Schilde-System von West – Seele – Abstieg und Ost – Geist, Spirit – Aufstieg nimmt, gilt es, entsprechend meiner Absicht, den entsprechenden Ort zu wählen. Wenn meine Seele sich eher verbinden möchte, und in den tiefen Urgrund meines Unterbewussten absteigen soll, um entsprechende Themen zu betrachten und zu lösen, sind Landschaften wie Bach- und Flussläufe, Täler, tiefe Schluchten, Waldgebiete, Moore und Seen sicher hilfreich. Wenn meine Themen eher mit Aspekten des Geistes, des Aufstiegs, des Erhöht-Seins verbunden sind, dann sind Berggipfel und Bergplateaus, Lichtungen, weite Landschaften bzw. einzelne Baumgruppen oder Felsen in einem Hochtal stehend günstig. Es gibt Landschaften, die beide Aspekte – Ying und Yang – vereinen: sanfte Wüstenlandschaften, wo es Sanddünen und Gesteinsformationen gibt, Flusstäler mit umliegenden Hügeln und Bergen oder   ein weites Tal mit Berggipfeln im Hintergrund, Meeresküsten mit steilen Hängen und zerklüfteten Landschaften dahinter.

Warum wirken Übergangsrituale?

Übergangsrituale wie Visionssuchen wirken durch die Einbeziehung der Natur und der individuellen Naturerfahrungen, sodass die Absicht, die in die eigene Welt, in das eigene Leben gebracht werden möchte, mehr als nur durch den logischen, reflektierenden, rationalen Geist erfahren werden kann. Rituale sind prinzipiell immer auch körperliche Erfahrungen, geerdet, greif- und spürbar, wo genauso psychische und geistige Erfahrungsebenen angesprochen werden.

 

Die drei Phasen des Übergangs: Loslösung, Liminalzeit und Integration – Eine Übersicht

„Immer hatten Mythen und Riten und Übergangsrituale die Symbole zu liefern, die den Menschen vorwärts tragen, und den anderen ebenso konstanten Phantasiebildern entgegenzuwirken, die ihn an die Vergangenheit ketten wollen.“ (Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten , S. 20)

Visionssuche ist ein bis heute überliefertes Übergangsritual, das auf allen Kontinenten und in allen Kulturen bekannt ist bzw. war. Manchmal finden Übergänge nur für Jugendliche statt, die den Erwachsenen-Status erreichen, manchmal nur für Männer, manchmal, um Erwachsene zum Alten zu begleiten, oder auch um eine spezifische spirituelle Frage beantwortet zu bekommen. Es gibt Kulturen bis heute, in denen es ganz alltäglich ist, sich immer wieder für einige Tage in die Natur zurückzuziehen, und im Angesicht seiner selbst und seinen Fragen, Sehnsüchten, seinen Ängsten und Unsicherheiten, sich der wilden Natur auszusetzen. Dieses zeitweise Zurückziehen aus der Gemeinschaft hatte den Aspekt des Innehaltens, des Sich-Reinigens, des Klärens von existenziellen Fragen.

Das Wort „Vision“, besser umschrieben als „um ein Gesicht flehen“ (in der Sprache der Lakota), ist nur ein Aspekt einer Visionssuche. Oft geht es um eine Bestätigung einer schon getroffenen Entscheidung, oder ein rituelles Festigen einer Absicht, die bereits im Leben wirkt, aber noch bestärkt werden möchte.

Auf Visionssuche kann man auch gehen, um seinen neuen Beruf ins Leben zu rufen, oder eine Heirat vorzubereiten, oder bei einem Übergang in einen neuen sozialen Status sich diese Auszeit zu gönnen, und sich allen aufsteigenden Fragen alleine, im Angesicht der Natur, zu stellen.

Eine Visionssuche kann auch dazu dienen, sich von einem geliebten Menschen zu verabschieden – sei es nach einer Trennung oder nach einem Sterbefall. Man kann sich auch verabschieden von einem Projekt oder einer Lebensphase, die es nun loszulassen gilt.

Der Held ist deshalb der Mensch, ob Mann oder Frau, der fähig war, sich über seine persönlichen und örtlich-historischen Grenzen hinauszukämpfen zu den allgemein gültigen, eigentlich menschlichen Formen. Seine Visionen, Ideen und Eingebungen kommen unverdorben von den Urquellen menschlichen Lebens und Denkens.

((Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten, S. 26))

Erste Phase: Loslösug:

Bevor ich als TeilnehmerIn auf eine Visionssuche gehe, ist einiges zu klären und zu lösen. Was ist vorher zu tun? Einige spezifische Fragen und Lebensthemen sollten reflektiert und schon vor der Gruppe hinterfragt werden:

  • Wo stehe ich gerade in meinem Leben?
  • Gibt es etwas loszulassen und zu verabschieden?
  • Was oder wer bringt mich immer wieder in Schwierigkeiten in meinem Alltag?
  • Lebe und arbeite ich entsprechend meinen wahren Fähigkeiten?
  • Gibt es eine Lebensvision, ein Lebensziel zu erkennen und zu würdigen?
  • Wie sehen meine Beziehungen zu anderen Menschen aus?
  • Was gibt es nun in der kommenden Lebensphase zu verwirklichen und ins Leben zu bringen?

Die TeilnehmerInnen machen in der Vorbereitungsphase eine sogenannte Medizinwanderung (die im Kapitel 4 beschrieben wurde), um so tiefer einzutauchen in alle diese Fragen. Alles was bei dieser Medizinwanderung erfahren und reflektiert wurde, wird als Geschichte zur Gruppe mitgebracht. Es ist ideal, wenn man mehrere Wochen bis Monate zur Vorbereitung hat, bevor man zu diesem großen Übergangsritual geht.

Die Vorbereitung in der Gruppe findet dann bereits am Gelände der Schwellenzeit, oder in unmittelbarer Nähe statt. Mithilfe von kleinen Naturübungen und den MentorInnen wird versucht, das Thema, die Absicht, warum man über die Schwelle in die sogenannte Auszeit geht, klarer herauszuschälen, um einen Absichtssatz zu finden, der durch diese Tage und Nächte durchführen kann – wie ein Lichtstrahl, der die Seele leitet.

In den Vorbereitungstagen werden auch alle sicherheitstechnischen und Verhaltensmaßnahmen für schwierige Zeiten besprochen. Nicht nur die Ausrüstung muss gut sein, sondern auch die körperlich-psychische und geistige Verfassung des Initianten wird überprüft und hinterfragt.

Am letzten Abend vor der Auszeit werden am gemeinsamen Feuer die Absichten von jedem Helden, von jeder Heldin bekannt gegeben und somit verkündet, womit jeder über die Schwelle geht, sodass es auch einen Rückhalt gibt von allen anderen, die ebenso mit ihrem eigenen Thema hinausgehen. Das gilt auch für die Älteren, die   BegleiterInnen, die sogenannten „Waschbären“, die im Basislager wachen und jederzeit zur Verfügung stehen.

Es wird durch gemeinsame Gebete und Lieder noch einmal im gemeinsamen Kreis gesessen, und auch die Erinnerung   wachgerufen, dass jeder in seine Auszeit nicht nur zu seinem eigenen Wohle und seinem persönlichen Wachstum hinausgeht, sondern immer auch für die Menschen, mit denen er im Alltag zu tun hat.

Zweite Phase: Schwellenzeit/Liminalzeit/Auszeit

Mit einem Wort: die erste Tat des Helden ist es, sich vom Schauplatz der Erscheinungen, der offen zutage liegenden Wirkungen zurückzuziehen und die ursächlichen Zonen der Seele aufzusuchen, wo die wahren Schwierigkeiten liegen, […].

((Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten, S. 26))

  Jede Teilnehmerin wird beim Sonnenaufgang in einem kleinen Verabschiedungsritual über die Schwelle entlassen, und jeder macht sich bereit, den Alltag, die Menschen hinter sich zu lassen, um seine Absicht ins Leben zu bringen. Jeder Initiant macht sich auf, um die Belehrungen seiner Seele, der Natur, des Himmels, der Pflanzen und Tiere zu empfangen. Die Liminalzeit hat den Sinn, allen Überfluss und Ballast hinter sich zu lassen, und nur mit dem notwendigsten ausgerüstet zu sein. Mit Wasser, fastend, mit einem Tagebuch, und eventuell einer Rassel begibt sich der Initiant auf seinen selbst gewählten Platz. Alles, was erlebt wird, hat seine Bedeutung und hat einen Sinn, den nur der Held, die Heldin erkennen kann.

Joseph Campbell hat dazu geschrieben: „Durch diese Erfahrung zwischen den Welten wird der eigene Mythos neu geschrieben und neu erfahren, sodass die Heldin mit neuen Augen auf die Welt zu den Menschen zurückkehren kann.“   Der Abstieg in die eigene Seelenlandschaft, in das Unbewusste, ist eine sehr körperliche, direkte Erfahrung, auf die man nach der Rückkehr immer wieder zurückgreifen kann, da sie bereits inkorporiert ist (auf der zellulären Ebene). Ein gleichzeitiger Aufstieg in dieser Schwellenzeit findet oft besonders bemerk- und wahrnehmbar am dritten und vierten Tag, oder in der letzten Nacht statt. Dort ist man einerseits dünnhäutig, durchlässig, und andererseits geerdet, kann den Großen Geist, den Spirit, immer direkter erfahren.   Außergewöhnliche Erfahrungen von Gnade, Verbundenheit, oder auch „Gipfelerfahrungen“ sind durchaus üblich. Diese Erfahrungen sind nicht willentlich herbeizuführen oder zu machen, sondern ein Geschenk der Natur, der Erde, der Spirits, ein Geschenk, das zwischen Himmel und Erde dargeboten wird. Es gilt für den Initianten, es zu erkennen. Dieses Geschenk äußert sich manchmal in Form eines „Medizingeschenkes“, in Form eines Liedes, eines Gedichtes, eines Mantras, einer alleins-machenden Erfahrung, oder einer eindeutigen Lebensaufgabe, die einem für das Leben geschenkt wird.

Es gäbe noch viel zu sagen über diese Schwellenzeit, und ich möchte auf die Bücher, die im Literaturverzeichnis angeführt sind und die eine ausführliche Beschäftigung mit diesen drei Phasen, insbesondere mit der Auszeit/Liminalzeit, bieten, hinweisen.

Dritte Phase: Integration/Inkorporation

Die Teilnehmer kommen am vierten bzw. am fünften Morgen nach dem Sonnenaufgang in den Kreis der Menschen zurück. Nach einem Willkommensritual wird die erste Mahlzeit als Fest miteinander geteilt, um so den Geist wieder mehr mit dem Körper zu verbinden. Nach einer Phase der Erholung und Eingewöhnung an einen Alltag in der Gruppe, beginnt jeder, seine Geschichte, seine Erfahrungen, seinen neuen Mythos zu erzählen. Diese Phase ist ein ganz wesentlicher Zeitrahmen bevor die Teilnehmer nachhause fahren, stellt es doch das erste Mal im neuen Leben die Möglichkeit dar, von seinen gemachten Erfahrungen, Höhen und Tiefen, zu erzählen. Die TeilnehmerInnen der Gruppe hören zu, bestärken und unterstützen, ebenso wie die Älteren, die die Kunst des „Mirroring“ dem Initianten anbieten, und ihm helfen sollen, seine Erfahrungen in all seinen Tiefen und vielfältigen Aspekten zu verstehen und ins neue Leben zu bringen.

 

 

In der Wildnis wachsen...
Farah, die Katze von Claudia Pichl, schreibt in ihrem
Tagebuch über heilsame Zeiten in der freien Natur

Schon als junge Katze - vielleicht schon als ganz junge Katze, daran erinnere ich mich nicht - ging ich in den Wald, wenn ich Sorgen hatte - traurig war, Liebeskummer hatte, wütend war, mit mir selbst nicht zu Rande kam.....
Der Wald war einfach da. Was schon viel war, alle anderen - insbesondere mein Frauchen- waren so geschäftig oder eben selbst besorgt, abwesend irgendwie. Der Wald schien Zeit zu haben, die Bäume hörten mir zu, das Moos war kuschelig, fast liebevoll......und ich verließ nach einer halben Stunde meinen Wald versöhnter mit mit, der Katzen- und sogar der Menschenwelt.
Oder war es gar nicht der Wald, der Zeit hatte - wie kann ein Wald auch Zeit haben? Vielleicht waren es gar nicht die Bäume, die zuhörten, haben ja gar keine Ohren. Und das Moos, liebevoll? Feucht vielleicht, aber liebevoll?
Vielleicht bildete ich mir das alles nur ein. Doch fest stand, daß es wirkte, deshalb ging ich ja immer wieder hin - Balsam für meine kleine Katzenseele...
Seelenvoll erscheint sie mir noch heute, die Natur - auch wenn ich nach wie vor nicht genau weiß, ob sie eine Seele hat oder sie nur voll mit meiner Seele ist, wenn ich mich ihr zuwende...
Was heißt hier eigentlich nur’? Was will ich mehr, endlich jemand, der so ‚neutral empathisch’ (würde mein Frauchen sagen) ist, daß ich in seiner Gegenwart meine Antworten finde. ‚Coaching durch natürliche Präsenz!’ - klingt ja fast wie ein Seminartitel aus den Zeitschriften, die bei uns zuhause rumliegen.....
Und als ich herausfand, daß ein paar Tage freiwilliger Verzicht auf mein heißgeliebtes Whiskas (Fasten nennen sie das, glaube ich) und länger alleine draußenbleiben den Prozeß der Klärung noch intensiviert, stand meiner natürlichen Selbst-Therapie nichts mehr im Wege.........
Ich bin froh, daß mein Verstand es aushält, daß ich ihm die Frage nicht wirklich beantworten kann, ob sie - die Natur - jetzt ein eigenes Wesen ist mit therapeutischen Fähigkeiten ODER ob aus meinem Unterbewußtsein kleinweise Dinge nach oben kommen, wenn ich in die Natur gehe und ich mich dann abarbeite an meiner Angst vorm Alleinsein, meiner Angst davor, kein Futter mehr zu kriegen und besonders meiner Angst vor fremden Katzen......
Mein Frauchen kennt das übrigens auch. Sie macht da solche Wilderness-Seminare, wo man auch alleine und ohne Fressen ein paar Tage in die Natur geht. Sie kommt da immer ganz geklärt zurück und ist viel freundlicher zu mir. So als wäre jemand freundlicher zu ihr gewesen......
Manchmal erzählt sie allerdings auch, daß die Konfrontation mit den eigenen Schatten schon auch beängstigend sein kann da draußen alleine in der Nacht - was ich nicht so recht verstehe, weil Schatten in der Nacht......da muß schon sehr der Mond scheinen! Aber bitte! Sie meint, die Auseinandersetzung mit den eigenen Schatten sei dort draußen auch sehr ermutigend und helfe ihr dabei, wirklich reinzuwachsen in ihr Erwachsen Sein. Was soviel heißt, wie ‚daß sie sich so alt fühlt wieviel sie Falten hat’, glaube ich.
Anyway. Dieses Alleinsein in der Natur hilft uns so oder so.........Und angeblich ist es besonders zu empfehlen in sogenannten ‚Übergangszeiten’, z.B. als mein Schnuffi letztes Jahr die Patschen streckte, aber auch bei guten Veränderungen, da hilft es wirklich, zu dieser ‚Mutter Natur’, wie mein Frauerl sie nennt, zu gehen und sich ihr anzuvertrauen. Wie meinem Tagebuch hier, nur besser!
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Jumping Mouse
„Jumping Mouse ging bis ans Ende von Mouseland und schaute in die weite Prärie. Er schaute nach oben auf der Suche nach Adlern. Der Himmel war voll von ihnen. Aber Jumping Mouse war entschlossen zum Heiligen Berg zu gelangen. Er sammelte all seinen Mut und rannte - so schnell es eben ging! Das kleine Herz hüpfte vor Aufregung und Angst.“

(Hyemeyohsts, Storm,7 Pfeile)

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Der Regenmacher von Kiao Chow

Die Bewohner eines chinesischen Dorfes litten unter einer großen Dürre. Der lokale Regenmacher konnte auch nichts zum Guten wenden und so schickten sie um den berühmtesten Regenmacher Chinas, der im weit entfernten Kiao Chow lebte.
Er kam im Dorf an und die Bewohner fragten ihn, welche Unterstützung er brauche? Er wolle nur einen Platz in der Wildniss, wo er alleine sein konnte und ihm manchmal etwas Essen gebracht werden sollte. Das sei alles.
Nach einigen Tagen ohne Regen wurden die Dorfbewohner unruhig und schickten eine Delegation, um zu fragen was los sei. Aber er schickte sie unverrichteter Dinge wieder zurück. Am nächsten Tag begann es zuerst zu schneien (im Sommer), dann wandelte er sich in prasselnden Regen.
Als er ins Dorf zurückkam, fragten ihn die Bewohner, was denn nun so lange gebraucht habe? Und er erklärte: „Als ich in euren Distrikt kam, merkte ich, daß er vollkommen aus der Balance und das Tao gestört war.
Nachdem ich bei euch ankam, merkte auch ich, das mein Gleichgewicht von Yin und Yang aus den Fugen geraten war. Alles was ich tun konnte, war in die Natur, in die Wildnis zu gehen, um wieder in Einklang mit dem Tao zu kommen. Alles andere ging dann seinen natürlichen Weg.“

(von Richard Wilhelm erzählt im Psychologischen Club, Zürich; aus: A Testament to the Wilderness, C.A.Meier,Daimon 85)

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„ … der mit dem Coyoten tanzt“
Ein Erfahrungsbericht

Ich drehe mich um und blicke über die bizarre Landschaft. Die Berge im Westen strahlen blaßgelb in der ersten Morgensonne. Ich sehe kein Haus, kein Auto, keinen Menschen, ich bin alleine. Unbeweglich stehe ich in der Stille und höre nur meinen Atem. Ich suche die Spuren meiner Füße und begegne dem reglosen Blick eines mich unverwandt anstarrenden, winzig kleinen Drachens. „Horntoed“ nennen ihn die Indianer. Ich liebe ihn, er ist so häßlich und so einsam. Ich starre zurück, während ich unendlich langsam in die Knie gehe und mich behutsam dem kleinen Boten einer vergangenen Welt nähere. Er sieht gelassen zu, rührt sich nicht. Nur fünf Handbreit trennen unsere Augen und ich sehe, daß diese schönen, schwarzen Punkte gar nicht starren, sondern mich ganz genau beobachten. Ich sehe pulsartige Bewegungen in seinem schuppigen Hals, betrachte seine gepanzerten Füßchen, die ihm seinen Namen gaben. Ich tauche tief in seine unendlich alten Augen und bin plötzlich in seiner Welt. Ich sehe mit den Augen eines „Horntoed“ und die Felsen und winzigen Blümchen, die uns umgeben, ähneln unglaublich der Landschaft, die ich noch vor Minuten als Mensch betrachtet habe. Ich versinke in meiner Umgebung, ich löse mich auf.
Da, ein schneller, schwarzer Schatten, ein Surren und - schnapp! Ich zucke zurück, mein Herz rast, während mein Freund genüßlich sein Frühstück verspeist.
Ich weiß nicht wieviel Zeit vergangen ist - Minuten, Stunden? Ich merke, wie ich mit mir zu sprechen beginne - mein „Innerer Dialog“ setzt wieder ein. Er macht mir Vorwürfe, daß ich hier Zeit vertrödle, anstatt mir einen „sicheren“ Platz zu suchen, wo ich meine Zeltplane aufspannen und die nächsten vier Tage verbringen kann ... ein bißchen geht er mir auf die Nerven, mein „Innerer Dialog“.
Ich bin hier in einem abgelegenen Ausläufer des Death Valley in Kalifornien und Teilnehmer an einem Training für „Wilderness-Guides“. Unter dem Begriff „Wilderness“ subsumieren sich ethnologische Inhalte: Wissen und Philosophien der „Native Americans“, also der Indianer - und Grundsätze der „Humanistischen Psychologie“. Ich habe sehr interessante KollegInnen - da ist zum Beispiel Wally, ein sechzigjähriger Geologe, der vierzehn Jahre seines Lebens am Süd- und Nordpol verbrachte, oder Stockton, ein hoher Beamter des CIA oder Kimberley, eine junge Sozialarbeiterin, die mit „schwierigen“ Jugendlichen in Los Angeles arbeitet. Alle haben wir ein Ziel - wir wollen „besser verstehen“: uns selbst, unsere Beziehungen, unsere Beweggründe. Wir wollen ein „meaningful life“ führen. Hierzu teilen Meredith Little und Stephen Foster, beide seit den späten 60ern Pioniere auf dem Gebiet der „Ecopsychology“, mit uns ihr Wissen. Wir haben theoretischen Unterricht am Vormittag und bekommen praktische Aufgaben, die wir nachmittags allein und in freier Natur erarbeiten. Abends gibt´s ein spannendes Beisammensein, wo wir unsere nachmittäglichen Erlebnisse in Geschichten den Anderen näherbringen. Hie und da sind ein paar alte, würdige Indianer-Herren anwesend, die uns ernst beobachten, doch bei manchen „tragischen“ Passagen unserer Erzählungen schallend und herzhaft lachen ...

Wesentliche Ansätze in Meredith’s und Stephen’s Theorien scheinen mir zu sein:

1. Das Setting
für alle Übungen ist die freie Natur. Sie ist mit ihren unzähligen Formen, Farben und Eindrücken kreativer Impulsgeber für unsere Phantasie. Es gibt Tabus: keine Gesellschaft, kein Essen und „no shelter“ (Zeltplanen bei Übernachtungen sind o.k.). Die TeilnehmerInnen markieren den Punkt, wo sie in ihre selbstgewählte „sacred world“ treten und sie haben eine klare „Absicht“ (intent) - was sie auf dieser Reise erfahren wollen. Und: was immer jemand in seinen Geschichten erzählt - es ist wahr, alle hören zu und leben ganz mit dem Erzähler.

2. Erwachsen werden
Für einen indianischen Stamm war es von lebenswichtiger Bedeutung, daß alle Mitglieder „erwachsen“ wurden. „Erwachsen sein“ definiert sich beispielsweise wie folgt:
(S)eine Bestimmung, seinen Platz im Leben zu erkennen und/oder sich für eine Lebensrichtung entschieden zu haben (Beruf)
Sich hier so weit zu entwickeln, daß der Beruf zur „Medizin“ wird.
Das wird er dann, wenn ich zum Erlernten meine eigenen, besonderen Fähigkeiten hinzufüge, also aufhöre „zu kopieren“. Somit wird das, „wie ich etwas tue“ einzigartig und unverwechselbar. „Medizin“ vielleicht darum, weil ich in meinem Wissen, in meinen mir bewußt gelebten Fähigkeiten eine Heimat habe - unabhängig von einer geographischen Heimat - in die ich mich jederzeit zurückziehen und Kraft schöpfen kann.
Nur mit dem Erlangen dieser „Medizin“ kann ich mein Wissen, meine Erfahrung an jüngere weitergeben. Wobei stets der ältere für den Wissenserwerb des jüngeren verantwortlich ist. D.h. es braucht die Erfahrung wann ich wem was, zu welcher Zeit und in welchen Worten, Tempo etc. lehre.
Die eigenen persönlichen Besonderheiten, Charaktermerkmale etc. zu akzeptieren und sich gegebenenfalls von ihnen distanzieren zu können, beispielsweise wenn es gilt, etwas zu erreichen.
Die Fähigkeit im Team für gemeinsame Interessen zu arbeiten
Seine angeborenen Talente („Shields“) zu entwickeln und sie in den Dienste der Familie, des Stammes zu stellen.
Zu wissen, wer die eigene Familie ist
Nichts „persönlich“ zu nehmen und das Ereignis in einem großen, natürlichen Kontext zu erkennen
...und vieles andere mehr

3. Eine Absicht haben
... bedeutet, zu einem starken und bedingungslosem „Ja“ zu kommen. Dazu wird eine Entscheidung entwickelt, bis sie klar und deutlichen in einem kurzen Satz artikuliert werden kann und Schritte zur Umsetzung „gesehen“ werden. Daher auch der Name „Vision Quest“ als Bezeichnung für diesen Teil der Arbeit.

4. Ein Krieger / eine Kriegerin werden
... bedeutet stete Achtsamkeit zu entwickeln. Quasi einen „inneren Beobachter“ zu installieren, der alle Fortschritte, aber auch Hindernisse auf dem Weg zum Ziel registriert. Hindernisse sind z.B.: Stimmungen, Wehleidigkeiten, Selbstmitleid, falsche Selbsteinschätzung (nicht „gut genug sein“) etc. etc.
Der erwachsene Krieger lacht, schmunzelt zumindest, wenn er in so eine „Falle“ tappt, gibt den Bedürfnissen ev. auch ein bißchen nach, um dann sanft und bestimmt den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen.
Ich war erstaunt, wie aktuell viele „indianische Philosophien“ in unsere Zeit passen. Ihre Fähigkeit, bestimmte Situationen des Lebensweges eines Individuums oder eines Stammes zu erkennen, sie zu artikulieren und ihre Lösungsansätze, die zudem meist besten Humor beinhalten, haben mich tief beeindruckt.
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Die 4 Schilde
Wilderness Seminare, Ceremonies

Uns stehen verschiedene Hilfsmittel, sogenannte Landkarten des Bewusstseins, oder auch Räder bzw. Schilder zur Verfügung. Diese lernen alle TeilnehmerInnen in der Vorbereitungszeit der Visionssuche, im 4 Schilde Seminar aber vor allem auch in eigenen „Ceremonies“-Seminaren kennen und nutzen. In diesen Ceremonies Seminaren geht es um die Dynamik der 4 Schilde in Bezug zu den Jahreszeiten und unserem Alltag. Damit einher wird immer dem Thema entsprechend ein Hauptritual gefeiert. Die 4 Schilde, die 4 Himmelsrichtungen Die 4 Schilde sind die Eckpfeiler der verschiedenen indianischen Medizinräder, entsprechen den 4 Himmelsrichtungen und stellen die 4 grundlegenden Ebenen des Menschseins dar.
Diese grundlegenden Ebenen sind in jedem Menschen veranlagt und jeder von uns hat zumeist zu ein oder zwei Ebenen einen natürlichen, guten Zugang, zu den anderen einen weniger guten. Die indianischen LehrerInnen und Ältesten haben immer wieder betont, dass es ungemein wichtig sei, zu allen 4 Schilden einen Zugang zu haben, um Ganz zu sein - ein wirklich Erwachsener Mensch mit einem vollentwickelten Werkzeug an Handlungsmöglichkeiten. Heute würden wir auch von einem funktionierenden Immunsystem sprechen, indem durch die harmonische Zusammenarbeit von Körper, Psyche, Bewusstsein und spiritueller Ebene Gesundheit und Wachstum möglich sind. Das Buch über die 4 Schilde von Steven Foster und Meredith Little ist soeben in deutsch erschienen und bietet einen hervoragenden Überblick über diese Landkarte menschlichen Bewusstseins.

Jungsche Philosophie und Psychologie
Wenn wir uns nun ein westliches Philosophisches Lehrsystem, wie das von C.G. Jung anschauen, fallen einige Ähnlichkeiten bzw. Parallelen zum oben gesagten auf. Jung unterteilt die menschlichen Fähigkeiten in 2 Ebenen mit je 2 Funktionen: -Die wahrnehmenden Funktionen: Empfinden und Intuition - Die beurteilenden Funktionen: Fühlen und Denken Diese 4 Ebenen können weiters eher im Sinne der Introspektion oder der Extrospektion gelebt werden.

Manche Menschen benutzen hauptsächlich eine Fähigkeit in allen Lebenssituationen, sozusagen als überpräsente Funktion, ergänzt von ein oder 2 Hilfsfunktionen. Die Ebene die in der obigen Darstellung vis a vis von einer Hauptfunktion liegt, gilt als Unterfunktion - als im Leben eines Menschen kaum genuzte Fähigkeit.

„Mit 2 Funktionen hat der Mensch die Fähigkeit erlangt, sich zu betrachten. Mit 3 Funktionen sind wir in der Lage, uns dabei zu beobachten, wie wir uns betrachten. Die Entwicklung auch der 4. Funktion ist die Vollkommnung, die Errungenschaft der vollkommenen Göttlichkeit im Menschen.“

(C. G. Jung: in Tanz des Typenrades, Mary E. Loomis, Walter, dzt. vergriffen)

Im Sinne der Ganzwerdung, der Transzedenz des Selbst, gilt es auch die sogenannten Unterfunktionen zu stärken. Und hier setzt das System der 4 Schilde an: durch die Anordnung im Kreis, stehen sich die Funktionen nicht starr gegenüber, sondern es wird eine mögliche Dynamik, eine Bewegung von einer Position zur nächsten ins Spiel gebracht.
Ich bewege mich in diesem System von einer Hauptfunktion über eine benachtbart gelegene Nebenfunktion zur unterpräsentierten Ebene. Ein Beispiel soll das verdeutlichen: Wenn ich im Süden „Zu Hause“ bin, ist mir die Ebene des Körpers und der ursprünglichen Emotionen sehr nahe. Im ungesunden Übermass kann es zu einem Hin- und Herwechseln zwischen vollem Enthuiasmus und Bedeisterung kommen, auf der anderen Seite zu Selbstbeschuldigungen und Antriebslosigkeit. Das dahinter liegende Gefühl kann sein, daß ich nie bekomme was ich anstrebe, bzw. es als zu wenig empfinde -

  1. ich bin also immer ein armes Opfer ( Süden, Ausgangslage);
  2. klären und ins Bewusstsein bringen, was in solchen Situationen abläuft ( Westen, Introspektion, Visionsuche oder ähnliches Ritual; ergänzt langfristig durch mögliche Psychotherapie)
  3. Integration in den Alltag, Einnahme meines Platzes als selbstverantwortlicher Erwachsener im Norden und das Wissen um den Osten und seine Kraft und Vision.

Im dynamischen System der 4 Schilde ist es der Weg vom Süden über den Westen in den Norden ( genauso geht es über den Osten in den Norden). Egal wo ich ansetze, mögliches „Endziel“ ist es, die wahrnehmenden und die beurteilenden Funktionen ins Gleichgewicht zu bringen, so wie die linke und rechte Gehirnhälfte gleichwertig verwenden zu können. Und bei Wilderness Seminaren geht es darum, die eigenen Fähigkeiten zu stärken, es geht um „empowerment“ und Wachstum. Nicht das Defizit und der therapeutische Blickwinkel stehen im Vordergrund, sondern den Zugang zum vollen Potential des SELBST zu erleichtern. Es ist nicht eine einmalige Angelegenheit, die dann erledigt ist, auch nicht ein linearer Prozeß, wie ich ihn gerade beschrieben habe, sondern ein lebenslanger Weg, der mich begleiten kann. Die Ceremonies Seminare begleiten dich über 2 Jahre mit vielen praktischen Hilfen und Hinweisen, wobei in diese Zeit auch ein Visionssuche Seminar fallen kann. Es gibt eigentlich in der westlichen Kultur nur mehr kindische Erwachsene oder erwachsene Kinder. (Robert Bly)

Die Stille der Berge und Täler, die Leere der Natur ermöglicht uns, ohne viel Aufhebens in einen Zustand der tiefen Einsicht über uns der Welt einzutauchen. Und diese Erkenntnisse bringe zurück - in deine Familie, deinen Job, zu deinen Freunden - in deinen Alltag. Wenn du die Natur liebst, dann teile deine Erkenntnisse mit anderen Menschen - wir sind Natur.

(Steven Foster)

Wie sagte schon unsere Katze Sirah: ich weiß nicht genau, was die da draußen machen in der wilden Natur, aber nachher sind sie immer ruhiger und schauen mich dann manchmal so strahlend an, das ich nur mehr genüßlich vor Wohlgefühl schnurren kann.
(diesen Artikel gibt´s übrigens so wie alle genannten Bücher über uns zu beziehen)
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